Wirtschafts – Mediationsfall

mediation-vermittelt

 Nachfolgeregelung einer Steuerkanzlei

Die Kanzlei wurde durch den Gründer geführt. Vor 9 Jahren nahm er eine Junior Partnerin hinzu (5% Beteiligung). Diese beschäftigte sich vorwiegend mit Wirtschaftsberatung und aquirierte hierüber Kunden. Der Gründer möchte in den Ruhestand gehen. Seine Tochter hat die Ausbildung zur Steuerberaterin abgeschlossen und soll in die Kanzlei einsteigen. Die Junior Partnerin möchte in diesem Zusammenhang ihren Anteil an der Kanzlei auf 50% erhöhen. Die Kanzlei beschäftigte zu diesem Zeitpunkt 20 Mitarbeiter und war wenige Wochen zuvor in neue, größere und modernere Räumlichkeiten umgezogen.

Wie kam es zur Mediation?

Frau P. Hirschmann von Mediation Vermittelt hatte mit der Junior Partnerin bereits eine mediative Beratung im Personalbereich der Kanzlei erfolgreich abgeschlossen. Dadurch war der Kontakt vorhanden. Es sollte jedoch ein allen Parteien „unbekannter“ Mediator gefunden werden.Die Juniorpartnerin sprach mich an und schilderte mir, dass sich die Gespräche über die künftige Gestaltung der Kanzlei in eine Sackgasse befänden und dies bereits massive Auswirkungen auf die Mitarbeiter hätte, bis dahin, dass mittlerweile Klienten davon Kenntnis hätten. Ich schilderte ihr die Möglichkeiten, die Mediation in diesem Fall bietet und die hohen Erfolgsaussichten, eine Lösung zu finden, auch, wenn es zum jetzigen Zeitpunkt keinen Hinweis darauf gibt, wie diese aussehen könnte. Sie nannte mir außerdem die Beteiligten. Die Probleme im einzelnen wurden nicht erörtert, dies sollte erst Raum erhalten, wenn alle beisammen sind.

Das erste Treffen

Das Treffen fand in einem der Besprechungszimmer in der Kanzlei statt. Juniorpartnerin und Tochter waren pünktlich vor Ort. Die Mediation sollte zwischen den beiden Frauen stattfinden.Beide stellten sich vor und beschrieben ihre angespannte Situation. Wir begannen „klassisch“ mit eine Themensammlung für jede der beiden Teilnehmerinnen. Die Juniorpartnerin wollte ihren Platz gestalten und wünschte eine Trennung von Kanzlei- und Familienthemen, die Tochter wollte ihren Einstieg gestalten. Weiterhin sollte ein Zukunftsszenario entworfen werden, in dem der Wunsch des Gründers Berücksichtigung fand, dass er weniger arbeiten möchte, und für die Übergabe steuerliche Nachteile vermieden würden. Aus der Themensammlung wurde nun eine Auswahl getroffen – Themen: ´Mein Einstieg´ (Tochter); ´mein Platz´ (Juniorpartnerin), ´unsere Zusammenarbeit´ (Beide).

Über eine Kartenabfrage (Methode), wurden die vielen kleinen und großen Unterschiede erfasst und danach am Flip- Chart visualisiert, teilweise kommentiert. Durch die Visualisierung wurden nun Dinge besprechbar, die bislang „im Raum hingen“, aber eben nicht greifbar waren. Es waren schwierige Themen, Wünsche, Widerstände, Ängste, die sich in vielfacher Ausprägung darstellten.

Um hier weitere Klarheit hinein zu bringen, gab es als nächstes ein Flip- Chart mit der Überschrift:

„Was brauche ich/ was brauche ich nicht…“

Jetzt wurde die menschliche Komponente in diesem Konflikt sichtbar. Es gab die gegenseitige Bitte nach Respekt und Anerkennung, aber auch nach Autonomie. Wenn dies gewährleistet ist, dann schwinden die Ängste.

Also schritten wir nun zur Vereinbarung. Hier wurde explizit der respektvolle Umgang miteinander beschrieben, aber auch, wie der Umgang sein soll, wenn es mal „schief geht“ und wie dann gemeinsam dieses Dilemma wieder verlassen werden kann. In der Vereinbarung kam es darauf an, praktikable Lösungen für beide Personen zu finden welche die jeweils Andere nicht nur akzeptiert, sondern auch für sich gut findet. Hier wird kein Kompromiss gesucht, sondern ein Konsens!

Diese war der Abschluss des ersten Treffens. Beide Parteien unterschrieben die Vereinbarung. Alle waren erschöpft, aber auch sehr erleichtert. Es gab eine realistische Perspektive, die sich für Beide gut anfühlte.
Wir vereinbarten einen weiteren Termin für drei Wochen später. In dieser Zeit sollte die Vereinbarung angewendet und geschaut werden, ob noch etwas nachzujustieren wäre. Das nächste Treffen sollte dann zu Dritt stattfinden, mit dem Gründer. Ihm sollte das entwickelte Ausstiegsszenario vorgestellt werden. Die Informationen, die in diesem Treffen verarbeitet wurden, waren zwar seine Aussagen, jedoch machte er sie nicht gebündelt, sondern „dezentral“. Die jetzt vorgenommene Bündelung war also mit großen Unsicherheiten behaftet.

Für die beiden Frauen startete ihre „erste Arbeitswoche danach“ etwas hölzern, aber dennoch angenehm. Die beiden Frauen berichteten dem Gründer über die Mediation und dass sie ihren Konflikt darin beigelegt hätten.

In den folgenden Tagen wurde, wie sich später herausstellen sollte, das Vater/ Tochter Verhältnis zum Problem.

Die beiden Frauen waren, vor Ort und erklärten mir, dass es unklar sei, ob Herr H. Überhaupt kommen würde.
Wir sprachen über die vergangenen 3 Wochen und, wie sich die Vereinbarung hat anwenden lassen. Die Beiden waren zufrieden. Die Spannungen zwischen Vater und Tochter kamen nicht zur Sprache.
Mit einiger Verspätung traf Herr H. dann doch ein. Er begann mit einer ausführlichen Selbstdarstellung, seiner Verdiensten für das Unternehmen.
Aus seiner Sich gibt es ein deutliches Gefälle, zwischen seiner Tätigkeit im Unternehmen und der Tätigkeit der Übrigen. Es hat sich viel Aufgestaut und er muss ein Auge darauf haben, dass das alles in Ordnung kommt. Frau F. war deutlich in der Defensive. Auf die Frage, wie sich die vergangenen 9 Jahre der Partnerschaft dargestellt haben, antwortete er, dass es nie Probleme gab. Frau F. deutete jedoch an, dass sie ihre Arbeit so organisiert hatten, dass es keine Berührungspunkte gab. Ein schwieriger Punkt war auch, dass sie von Herrn H. Für ihr Engagement im Rahmen des Umzugs keinerlei Anerkennung erhielt.
Die Tochter erläuterte, dass sie ihre Ausbildung nun beendet hatte und in die Kanzlei hineinwachsen wolle (zu Beginn an einzelnen Tagen in der Woche, später ganz). Sie wünschte sich mit der Juniorpartnerin eine Gleichberechtigung.
Ferner wurde nochmal angesprochen, dass die Juniorpartnerin ihren Anteil an der Kanzlei auf 50% erhöhen möchte. Die übrigen 50% sollen beim Gründer, Herrn H. verbleiben.

Damit war der Vormittag um. Gemeinsam aßen wir in der Kanzlei die vorbereiteten Sandwichs, das Klima war eisig.

Der Nachmittag

Ich begann damit, das, was für Herrn H. wichtig war, zu visualisieren. Insbesondere der von ihm so bemängelte Arbeitsstau. So entwickelten wir ein Ausstiegsszenario für ihn, das im wesentlichen Meilenstein beinhaltete und im Ergebnis lautete: „Nach Abarbeitung des Staus steige ich aus…“
Parallel zu diesem Zeitstrahl visualisierte ich dann das Einstiegsszenario der Tochter. Dies war unspektakulär, es wurde jedoch deutlich, dass die Tochter mit jeder Aussage, den Blick zum Vater richtete.
Als nun die Vorstellungen von Frau F. auf das Papier kamen, begann die Selbstdarstellung von Herrn H. von Neuem, eine Rückführung zum Inhalt war nicht möglich. Und die Tochter relativierte ihre visualisierten Vorstellungen.

Nach mehreren Runden in ähnlicher Form war es doch möglich, dass die Konfliktpartner eine gemeinsame Mediationsvereinbarung zu entwerfen, denen sie dann verbindlich durch Unterschrift zustimmen konnten.

Was machte der Mediator

Die Aufgabe des Mediators ist, die Sichtweisen, der einzelnen Parteien nachzuvollziehen.

Aber Achtung; Verstehen ≠ Gut heißen!

Erst das Verstehen der Gedankengänge ermöglicht ein Konfliktverständnis. Dazu müssen Sichtweisen und Wahrnehmungen erfahren werden. Dies fördert der Mediator durch Fragestellung und Visualisierung. Was bewegt die einzelne Person? Jeder Teilnehmer erhält Unterstützung durch den Mediator, damit das, was er äußern möchte, was ihm oder ihr wichtig ist, eine Form findet, in der es für Alle nachvollziehbar ist.

Wie ging es weiter

Ein Gespräch 6 Monate nach Beendigung der Mediation brachte eine Überraschung. Keine der Parteien hatte sich inzwischen bei mir gemeldet, sodass ich darauf eingestellt war, dass wir über die verstrichene Zeit reflektieren und evl. nochmal eine Zukunftsszenario entwickeln.

Die beiden Vereinbarungen hatten die Parteien darin unterstützt, ihre Kommunikation wieder aufzunehmen und aufrecht zu erhalten. Allerdings wurde ihnen gemeinsam bewusst, dass sie es als Gemeinschaft nicht schaffen können/ wollen. Also trafen sie die Entscheidung, die Kanzlei zu teilen.

Herr H. und Tochter C. behielten 50% der Kanzlei/ Kunden/ Mitarbeiter. Im gleichen Haus, ein Stockwerk darunter, gründete Frau F. ihre eigene Kanzlei mit der jeweils anderen Hälfte. Herr H. erhielt einen finanziellen Ausgleich (45% des Kanzleiwertes). Dies konnten die Beteiligten selbständig, d. h., ohne kommunikationsunterstützenden Dritten abwickeln. Die beiden Mediationsvereinbarungen haben den Weg für eine ganz andere Lösung geebnet, als dort ursprünglich erarbeitet. Die gewählte Lösungsvariante einer Teilung war zu keinem Zeitpunkt Thema, noch nicht einmal als Idee. Die Beteiligten konnten im Frieden ihre Gemeinschaft auflösen, um ihre eigenen Vorstellungen realisieren. Die Präsenz im gleichen Gebäude und das häufige Begegnen der ehemaligen Partner stellte kein Problem dar.

Kosten:
Erstgespräch ist kostenfrei und Nachgespräch im Preis enthalten.
8h á € 175,- zzgl. MwSt. hinzu: Vorbereitung, Nachbereitung, Protokollerstellung, Fahrtkosten

Gesamt: € 1730,– incl. MwSt.

Institut für Interessenausgleich, Kommunikationsförderung und Gesundheit